Interview mit Walter Hermann, Meteorologe, 14 Juli 2019

Die Wetterbedingungen machen die vorliegende Meisterschaft nicht nur für die Piloten, sondern auch für den Wettermann zu einer Herausforderung. Was war für Dich bisher der herausforderndste Tag?

Der schwierigste Tag war für mich bisher der gestrige Tag [Tag 6 der Meisterschaft], weil aufgrund der Wetterlage wir eine Zweiteilung hatten: einerseits, eine hochgradig labile Atmosphäre im Osten und andererseits stabile Bedingungen im Westen. Und wir lagen genau auf der Kante dazwischen. Das Problem ist zu erkennen oder vorherzusagen, wann und wo Überentwicklungen und eventuell auch Gewitter auftreten. Und bei so einer schwierigen Lage dann die Wettbewerbsleitung [darüber] so zu informieren nach bestem Wissen und Gewissen; denn man kann nicht zu 100%, nicht einmal zu 80% vorhersagen: “da und dort treten Gewitter auf”. Bei dem gestrigen Tag war zu sehen, dass nach anfänglicher Überentwicklung im Osten, eine kurzzeitige Stabilisierung kommen wird, in der eine Möglichkeit eine kurze Aufgabe zu fliegen gegeben ist, aber dann schon bald wieder Überentwicklungen auftreten mit Gewitter und Schauern.

Ich habe positives Feedback über die Entscheidungsfindung an diesem Tag gehört. Die Leute waren beeindruckt, wie es der Wettbewerbsleitung gelang, genau das Fenster zum Fliegen zu fangen. Kannst du uns mehr darüber erzählen, wie und wann die Entscheidung zum Fliegen an diesem Tag gefallen ist?

Nach einer gründlichen Analyse der Wetterlage, informiere ich den Sportleiter über das aktuelle Wetter und in Zusammenarbeit mit ihm dann die eventuell zu fliegende Strecke. Um nochmal auf dem gestrigen Tag zurück zu kommen, war eben die Schwierigkeit des Startzeitpunktes und wie lang es fliegbar ist, um die Aufgabe zu bewältigen beziehungsweise, wann dann aufgrund der Regenschauer- und Gewittertätigkeit ein frühzeitiges Thermikende zu erwarten ist.

Es besteht immer der Wunsch, ein Gleichgewicht zu schaffen zwischen der Anforderung an die Anzahl der gültigen Wettkampftage zu erfüllen auf der einen Seite auf Nummer sicher zu gehen und die Piloten nicht gefährden auf der anderen. Wie beurteilst du dies – nach dem Vorsichtsprinzip?

An allererster Stelle und vorrangig ist immer die Sicherheit. Bei jeder Beratung der Wettbewerbsleitung bin ich mir darüber im Klaren, dass die Wortwahl schon ausschlaggebend ist für die Entscheidung der Wettbewerbsleitung. Wenn ich 100% überzeugt bin, trete ich ganz anderes auf, als wenn ich gewisse Zweifel habe. Und diese Zweifel vertrete ich dann auch gegenüber der Wettbewerbsleitung. Im gestrigen Fall war es äußerst schwierig, und ich hatte den ganzen Tag irgendwelche Bauchschmerzen über die Entwicklung. Und wir haben Glück gehabt gestern, muss ich sagen. Wobei da auch ein gewisser Erfahrungsschatz meinerseits die Entscheidung mit beeinflusst hat.

Du bist selbst Segelflieger und bist Wettbewerbe geflogen. Wie hilft Dir Deine Erfahrung in Deiner jetzigen Rolle?

Angefangen habe ich mit der Fliegerei vor 50 Jahren und relativ schnell auch Wettbewerbe geflogen bis 1987. Danach habe ich mich überwiegend beschränkt auf die Fliegerei im Verein als Fluglehrer im Schulbetrieb. Ich fliege auch heute noch überland, aber schwerpunktmäßig ist mehr der Vereinsbetrieb meinerseits. Was mir sehr gut dabei hilft ist natürlich die Erfahrung, die ich in den letzten 50 Jahren gesammelt habe. Ich habe etwa 4500 Segelflugstunden. Und vor allem, der ständige Kontakt zu den Piloten, die man im Laufe der Zeit kennengelernt hat; die Erfahrung durch die einzelnen Wettbewerbe helfen mir bei der Tätigkeit sehr. Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist natürlich meine berufliche Tätigkeit, da ich als Flugwetterberater bei der Bundeswehr, den Heeresfliegern, tätig war. Und da Tag für Tag die Piloten beraten habe, und dann auch, anders als beim Deutschen Wetterdienst, von den Piloten ein Debriefing bekomme und dann hinterher auch verifizieren und aus Fehlern lernen kann.

Du bist seit mehr als dreißig Jahren als Meteorologe tätig und hast fünfzig Segelflugwettbewerbe betreut. Was ist für Dich die größte Herausforderung in diesem Job?

Die grösste Herausforderung ist natürlich immer eine richtige Vorhersage zu machen :-). Das war in den Anfangszeiten schwierig, man lag öfters mal daneben in der Vorhersage, das ist ganz klar, wenn man noch nicht so viel Erfahrung hat. Die zweite grosse Herausforderung ist immer die, ein gutes Verhältnis zum Sportleiter zu haben. Es muss ein Vertrauen aufgebaut werden, das Vertrauen, das der Sportleiter in den Meteorologen hat, und umgekehrt. Da hatte ich in den vergangenen Jahren, Gott sei Dank, immer Glück, bis auf wenige Ausnahmen.

Und hier funktioniert es wahrscheinlich auch sehr gut?

Ja, klar. Sonst wäre ich nicht hier schon zum dritten Mal.

Zum dritten mal in Stendal? Mit dem gleichen Team?

Mit Christoph [Sportsleiter]

Du warst Team-Meteorologe der deutschen Nationalmannschaft und der deutschen Frauen-Nationalmannschaft bei verschiedenen Segelflug-Welt- und -Europameisterschaften. Gibt es einen Unterschied zwischen der Arbeit eines Team-Meteorologen mit der Nationalmannschaft bei einer internationalen Meisterschaft und dem Meteorologen bei einer Deutschen Meisterschaft?

Bei der Beratung bei Wettbewerben geht es um allgemeine Beratung, wie das Wetter im Tagesverlauf sich entwickelt. Bei der Beratung für das Team ist ja schon eine gewisse Vorhersage von der Wettbewerbsleitung gegeben. Und da ist meine Aufgabe zu erkennen, ob es irgendwelche Abweichungen gibt aus meine Sicht, und den Teammitgliedern zu sagen, wo die Knackpunkte, die Schwierigkeiten des heutigen Tages sind. Und dann während des Fliegens auch Informationen zu geben anhand von Wettermeldungen, anhand von Satellitenbildern, anhand von Radarbildern, teilweise in verschlüsselter Form, damit nicht jeder der anderen Nationen das mitbekommt; um da entsprechende Tipps oder Entscheidungshilfen für den taktischen Flug zu geben.

Was kannst Du über die Wetterbedingungen in Stendal sagen? Gibt es typische Wetterbedingungen in der Region?

Stendal und Umgebung ist natürlich geprägt durch die guten Sandböden, wo bei schon geringer Sonneneinstrahlung sich Thermik entwickelt. Ganz bekannt ist auch der Fläming dazu, das ist ein kleiner bewaldeter Hügel, kann man sagen. Und das ist bei teilweise oft schwierigen Wetterlagen gerade im nördlichen, beziehungsweise nordöstlichen Bereich Deutschlands doch immer eine Hilfe, wo sich die Thermik schneller entwickeln kann.

Du wirst nächstes Jahr bei der Weltmeisterschaft auch hier in Stendal sein. Hoffentlich ist das Wetter dann besser als dieses Jahr.

Das hoffentlich. Dieses Jahr ist einfach ein verflixtes Jahr. Dieses ist schon mein vierter Wettbewerb in diesem Jahr, und der vierte Wettbewerb, wo die Wetterbedingungen schwierig sind. Der erste war in Klix, der zweite war die Deutsche Meisterschaft den kleinen Klassen in Zwickau, der dritte war Hockenheim. Und bei jedem Wettbewerbe war es dermaßen grenzwertig mit dem Wetter, dass man kämpfen musste die entsprechenden Wertungstage zu bekommen.

Für Dich als Meteorologen ist es sicher einfacher mit blauem Himmel und Blauthermik, als mit dem Wetter, das wir jetzt hier haben, oder? 

Eigentlich nicht. Gerade die Grenze vorherzusagen zwischen Blauthermik und ein-zwei Achtel Cumulanten – die ist manchmal ganz schwierig. Da sind Nuancen teilweise ausschlaggebend, dass plötzlich doch Cumulus kommen, obwohl Blauthermik vorhergesagt ist. Und das gibt dann doch große Unterschiede in der Geschwindigkeit der Piloten: bei Wolkenthermik sind sie natürlich viel schneller als bei Blauthermik. Das hat dann wieder Auswirkungen auf die Größe der Flugstrecke, und, und, und. Das ist ein schwieriges Problem. Einfach ist es wenn es regnet :-), oder man hat wirklich so eine Wetterlage, teilweise wie wir sie schon letztes Jahr hatten, mit hohen Wolkenuntergrenzen und einer konstanten Hochdrucklage.

Bei welchem Wetter ist eine Prognose am schwierigsten? Unter den Bedingungen von gestern?

Das ist insofern am schwierigsten, weil man eine grosse Verantwortung trägt bei Gewitterlagen eine Aufgabe zu machen. Da hat man wirklich ein Grummeln im Magen.

Vielen Dank, Walter, für dieses Interview und viel Glück!

Das Interview wurde von Evgenia Alexeeva durchgeführt.